Der Tod einer nahestehenden Person ist eines der schlimmsten Ereignisse, die im Leben eines Menschen auftreten können. Aus diesem Grund ist es sehr gut nachvollziehbar, dass die meisten Verwitweten einen starken Abfall in ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit erleben. Jedoch gibt es sehr große Unterschiede in der Reaktion der Menschen auf den Verlust und die Gründe für diese Unterschiedlichkeit sind derzeit noch nicht vollständig erforscht. Was könnte also eine Erklärung dafür sein, dass einige Personen sehr gut mit dem Tod ihres Partners umgehen können, während andere Personen wiederum sehr viel Zeit benötigen, um diesen Lebenseinschnitt zu bewältigen?

Eine wichtige Eigenschaft, in der sich Menschen unterscheiden, ist ihre Kontrollüberzeugung. Zum einen gibt es Menschen, die glauben, ihr Leben selbst in der Hand zu haben. Sie gehen davon aus, dass sie durch ihr Handeln ihre Umwelt verändern können und damit ihr Leben stark beeinflussen können. Dies sind Personen mit einer hohen internalen Kontrollüberzeugung – es handelt sich also um Personen, die glauben, dass die Kontrolle über ihr Leben in ihnen selbst liegt. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die glauben, dass ihr Leben hauptsächlich von außen bestimmt wird, beispielsweise durch den Zufall, das Schicksal oder mächtige Andere. Man spricht bei dieser Einstellung von einer hohen externalen Kontrollüberzeugung – die Menschen glauben also, dass nicht sie selbst, sondern äußere, nicht beeinflussbare Faktoren ihr Leben bestimmen.

Es gibt bereits zahlreiche Studien, die sich mit der Kontrollüberzeugung beschäftigt haben. Dabei zeigte sich beispielsweise, dass Personen, die eine externale Kontrollüberzeugung hatten, also an das Schicksal glaubten, weniger zufrieden sind mit ihrem Leben, häufiger an psychischen Krankheiten leiden, einen schlechteren Verlauf bei körperlichen Krankheiten haben und beruflich weniger erfolgreich sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Personen, die an das Schicksal oder den Zufall glauben, in vielen Bereichen des Lebens Nachteile haben. In unserer neuen Studie konnten wir (Jule Specht, Prof. Dr. Boris Egloff und Prof. Dr. Stefan Schmukle) nun aber zeigen, dass der Glaube an das Schicksal auch seine Vorteile haben kann, nämlich genau dann, wenn eine Person mit einem tragischen und unkontrollierbaren Ereignis konfrontiert wird – dem Tod des Partners.

Um zu untersuchen, ob sich Menschen mit unterschiedlicher Kontrollüberzeugung auch darin unterscheiden, wie sie den Tod ihres Partners bewältigen, haben wir Daten einer großen Längsschnitterhebung genutzt – dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Es handelt sich dabei um eine Befragung, die seit 1984 jährlich an einem repräsentativen Teil der deutschen Bevölkerung durchgeführt wird. Die befragten Personen gaben in drei aufeinanderfolgenden Jahren (1994 bis 1996) Auskunft zu ihrer Kontrollüberzeugung. In den darauffolgenden Jahren (1997 bis 2007) berichteten 414 dieser Personen von dem Tod ihres Partners (278 Frauen, mittleres Alter 65 Jahre). Bei diesen Personen haben wir uns den Verlauf der Lebenszufriedenheit angeschaut, beginnend vier Jahre vor dem Tod des Partners bis zu vier Jahren nach dem Verlust.

Unsere Analysen bestätigen, was auch viele Laien aus ihrem Umfeld oder sogar ihrer eigenen Erfahrung kennen: Der Tod des Partners ist ein tragisches, einschneidendes Lebensereignis, dass zu einem starken Abfall der Lebenszufriedenheit führt. Die Personen wurden bereits in den Jahren vor dem Tod deutlich unzufriedener mit ihrem Leben, waren in dem Jahr, in dem ihr Partner verstarb, besonders unzufrieden und hatten sich im Mittel auch nach vier Jahren noch nicht von dem Ereignis erholt. Frühere Studien legen nahe, dass die Hinterbliebenen im Durchschnitt ungefähr acht Jahre benötigen, um wieder ihre ursprüngliche Lebenszufriedenheit zu erreichen.

Besonders interessant an unseren Ergebnissen ist, dass sich Personen mit unterschiedlicher Kontrollüberzeugung erheblich darin unterschieden, wie sie den Tod ihres Partners verkrafteten. Personen, die an Zufall oder Schicksal glaubten, konnten dieses tragische Ereignis deutlich besser verarbeiten. Ihre allgemeine Lebenszufriedenheit sank weniger stark, sie waren in dem Todesjahr zufriedener als andere Verwitwete und erholten sich bereits nach fast vier Jahren. Im Gegensatz dazu taten sich Personen, die nicht an Zufall oder Schicksal glaubten, deutlich schwerer mit der Bewältigung des Todes.

Das zeigte sich darin, dass diese Menschen deutlich unzufriedener mit ihrem Leben im Allgemeinen wurden, besonders unglücklich waren in dem Jahr, in dem ihr Partner verstarb und sich in den vier Jahren danach von dem Ereignis nicht erholen konnten. Obwohl religiöse Menschen allgemein zufriedener mit ihrem Leben sind und eher an das Schicksal glauben, fanden wir keinen Einfluss der Religiösität auf die Bewältigung des Verlustes. Das bedeutet, dass sich religiöse Menschen nicht von weniger oder gar nicht religiösen Menschen in ihrer Reaktion auf den Tod des Partners unterscheiden.

Unsere Ergebnisse lassen sich möglicherweise damit erklären, dass Menschen, die an Zufall und Schicksal glauben, realistischere Erwartungen haben, wenn sie mit dem Tod, einem besonders unkontrollierbaren Ereignis, konfrontiert werden. Sie sind deshalb weniger vulnerabel und können das Ereignis besser bewältigen. Personen, die den Einfluss von Zufall und Schicksal jedoch unterschätzen, müssen schmerzlich den großen Einfluss unkontrollierbarer Faktoren in ihrem Leben feststellen. Möglicherweise können sie ihre Hilflosigkeit weniger gut akzeptieren und machen sich teilweise sogar selbst für den Tod mitverantwortlich. Sie müssen also nicht nur den Tod ihres Partners verarbeiten, sondern darüber hinaus auch ihre allgemeine Weltanschauung hinterfragen oder sogar modifizieren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Glaube an das Schicksal und den Zufall vorteilhaft sein kann. Er erleichtert den Umgang mit dem Tod des Partners, einem extrem belastenden und unkontrollierbaren Ereignis.


Dieser Gastbeitrag erschien im Januar 2011 bei Hospiz-Dialog Nordrhein-Westfalen, einem Magazin der Ansprechstellen im Land NRW zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung.